Bericht aus Riga

Die Wirtschaft ist am Kollabieren, die Menschen fürchten um ihre Jobs, die Wodkapreise steigen ins unermessliche... Lettland hat mit schweren Zeiten zu kämpfen. Angesichts dieser Not hat Schellenkönig Boris beschlossen ins Heimatland zurückzukehren, Trost zu spenden und seine Eindrücke festzuhalten. In unregelmäßigen Abständen gibt es daher an dieser Stelle den Bericht aus Riga


13.05.2009

Sorry mal wieder für die lang ausbleibenden Meldungen. Natürlich liegt das daran, dass man als echter Hühnerstallhustler in Riga mad busy ist. Die letzten Wochen waren auch alles andere als einfach. Angesichts der Krise hat die Regierung Notstandsverordnungen erlassen, die die Redefreiheit erheblich einschränken. Unter anderem ist auch Rapmusik in die Liste "subversiver Ausdrucksformen" aufgenommen worden, was die Veranstaltung von Jams in der nahen Zukunft erschwert.
Gan untätig sind ich und die "jaun-gimene"-Jungs allerdings nicht gewesen. Wir haben uns kurzerhand alte Leinenhemden und Ledersandalen besorgt und tarnen unsere Veranstaltungen derzeit als traditionelle Sängerfeste. Für die B-Boys und die Writer ist das allerdings scheiße, da die Klamotten juckend und nicht elastisch sind und die Farbe sich kaum rauswaschen lässt.
Daher haben wir uns in letzter Zeit auch eher damit beschäftigt, uns ein finanzielles und organisatorisches Netzwerk aufzubauen. Das ganze läuft ziemlich gut über Gatis Gurkis Connections am Hafen. Von dort aus schmuggeln wir Vodka, Plattenspieler und diverse Edelmetalle aus dem Westen ins ganze Baltikum und knüpfen so Kontakte zu den wichtigsten Untergrund-Organisationen. Und ein gutes hat die Krise: Kolja Kirpic wurde von den Cops eingebuchtet, da er versucht hat, in einem Gebrauchtkleiderladen Damenstrümpfe für seine Mutter zu klauen. Also stehen wir insgesamt vor dem Hiphopdurchbruch. In spätestens zwei Monaten hat gimene die Macht in Riga!

12.04.2009

Ein voller Monat ist seit meiner letzten Meldung vergangen. Je weniger man über das schreibt, was man macht, desto mehr macht man tatsächlich... die Regel trifft in diesem Fall nicht zu. Hauptsächlich habe ich den letzten Monat damit zugebracht, mich mit Abendmahl vollzukippen, traditionelle Dainas zu grölen und Ärger mit der Polizei und der deutschen Botschaft anzufangen. Ach ja, nebenbei haben wir aber auch noch das neue Album aufgenommen. Wenn uns nicht irgendeiner von euch Klugscheißern nen besseren Vorschlag schickt, wird das Ding "In Vodka Veritas" heißen und auf jeden Fall stylemäßig dem Fass den Boden ausschlagen.
In Riga habe ich seit dem Letten-Konzert eine kleine, aber stetig wachsende Schar von Hard-Headz um mich geschart, die endlich wieder den guten alten Hibbadihop in die Hauptstadt bringen wollen. Gut, die meisten stehen eigentlich nur aufs Abendmahl, das ich ihnen ausschenke, aber man muss irgendwo anfangen. Auf Jams ist mir noch des öfteren Kolja Kirpic über den Weg gelaufen. Es gab auch schon wieder paar mal fast aufs Maul, doch ich hab mich immer irgendwie rauswinden können. Eins ist klar, diese Stadt ist zu klein für uns beide. Ich brauch nur noch einen Plan, wie ich den Typen fertig mach. Zumindest hab ich's schon geschafft ihm ein fettes LIW-Tag auf seinen Tuning-Mazda zu knallen. Damit ist die Schlacht endgültig eröffnet.

13.03.2009

Voller Euphorie zurück in Riga habe ich mich sofort aufgemacht, einen neuen Versuch zu starten um die Gimene-Posse wieder zusammenzubringen und die Hiphopkultur der Stadt zu reetablieren. Baba Nadia gab mir noch eine letzte Warnung mit auf den Weg: ich soll mich vor den "Urlas", Designeropfern im russischen Versace-Verschnitt in Acht nehmen. Sie haben die Szene fest im Griff und dulden keine Abweichung vom gängigen Bum-Bum-Pop in ihren Läden.
Und in der Tat brauchte ich mich nicht lang umzusehen, schon hatte ich den ersten Stress am Hals. Ich war auf einer meiner nächtlichen Touren durch die Hinterhofbars und verwinkelten Gassen der Stadt unterwegs und cypherte gemütlich mit mir selbst in der Gegend rum, als sich wie aus dem Nichts vor mir drei große Jungs mit blonden Haaren, Lackstiefeln und schwarzglänzenden Plastikjacken aufbauten. Sie redeten in bedrohlichem Ton auf mich ein. Als ich in Ermangelung einer Antwort in ihrer Sprache meinen Mittelfinger hob und freundlich lächelte war das nächste, woran ich mich erinnern kann, wie ich von einem alten Mann mit erheblicher Wodkafahne wachgerüttelt wurde.
Ich verstand nich viel von seinem Gebrummel, aber schließlich brachte ich aus ihm heraus, dass die Jungs, die mich überfallen hatten, Kolja Kirpic und seine Gang waren. Ich nahm einen Schluck von des Alten Schnapsflasche, spuckte etwas Blut, schwor auf Rache und machte mich auf.
Wenn auf jemanden Verlass ist, dann auf Fizzy Fresh und Mile MC/DJ/Godfather of everything. Ich schickte den Jungs eine Flaschenpost über meine derzeitige hoffnungslose Lage als Einzelkämpfer. Zwei Tage später waren sie in Riga-Ost um für die gemeinsame Sache loszustylen.
Erstes Projekt war ein Auftritt in einem Kellerclub bei mir ums Eck, der Bakery. Die ganze Aktion sollte vor allem diesen echten Rapshit zurück ins Bewusstsein der Rigenser Atzen rufen. Doch wir waren auf den härtesten Widerstand gefasst. Dieser blieb allerdings aus. Die Jungs schwangen ihre Wodkaflaschen und die Mädels ihre Colaflaschenfiguren und nickten mit dem Kopf wie verdammte Großstadttauben. Ein voller Erfolg also. Die Letten haben die Gimene-Zeiten noch nicht ganz vergessen. Verdammt, da muss noch mehr gehen!
Und da geht noch mehr... stay tuned!

04.03.2009

Mein Erlebnis mit Gatis letzte Woche hat mir vor Augen geführt, wie sehr ich in der alten Heimat zum Fremden geworden bin. Einige Tage habe ich damit verbracht, in meinem Zimmer von Wand zu Wand zu laufen und mich zu fragen, was ich hier eigentlich mache. Keine Freunde mehr, keine Familie, kein Bezug. Halt, keine Familie? Den Gedanken an Baba Nadia hatte ich lange verdrängt, nicht zuletzt da auch wir im Streit auseinander gegangen sind. Doch nun war ich hier, ich musste mich den Tatsachen stellen
Also, vor zwei Tagen nahm ich den Bus nach Silakrogs und lief von dort aus die sieben Meilen zu Baba Nadias Hof. Sie musste mich schon von Weitem erkannt haben. Jedenfalls kam sie, kaum war ich durch das Tor, mit flatterndem roten Kopftuch und eine Nudelholz schwingend auf mich zugelaufen und verpasste mir erstmal eins über den Schädel. Ich übersetze frei: "Du elender Taugenichts, das ist für den Esel, und für die Bratpfanne, die du gestohlen hast, du dreckiger ..."
Als ich wieder zu Bewusstsein kam lag ich neben dem Ofen auf der Eckbank und Baba Nadia flößte mir heiße Rootebeetesuppe ein. Mein Schädel wummerte, doch ich war glücklich in ihren Augen die Vergebung zu finden, wegen der ich gekommen war.
Um ihr zu zeigen, dass es mir ernst war, blieb ich bis heute, hackte Holz, flickte das Dach des Hühnerstalls, in dem die Letten annodazumal das Cakl Berns-Tape aufnahmen und half ihr bei der Balzams-Destillation. Es tat gut, die Luft der Heimat wieder einzuatmen, die bekannten Geräusche von Dziad Oleks alter Mühle zu hören und auf dem Strohlager zu schlafen, dass ich schon als kleiner Scheißer bewohnt hatte. Jetzt fühle ich mich wieder zuhause und gewappnet, den Kampf für die Gimene-Posse weiterzuführen.

22.02.2009

Eine Woche lang von Kellerclub zu Kellerclub getigert, die Import-Export-Läden und Autohändler abgeklappert und sogar in der Russenvorstadt gewesen um nach Slizaks Bangs, Mops 3, Gatis Gurkis und den anderen alten Mitgliedern der gimene-Posse zu suchen. Aber jede Spur verlief sich im Sand bzw. in zwielichtigen Straßen, in denen man als Fremder nachts nicht allein sein will. Einmal musste ich vor einem Betrunkenen fliehen, der mich mit einem halb zerfallenen Schlittschuh bedrohte.
Die alten Kollegen scheinen entweder alle ausgewandert oder alkoholabhängige Kleinbauern in Celtis geworden zu sein. Ich war kurz davor, den Kopf in den Sand zu stecken, da kam doch noch der erhoffte Wink. Wie immer in dieser Stadt unerwartet und über vierzehn Ecken. Die Spur führte mich an den Hafen, wo Gatis G. jetzt als Dockarbeiter beschäftigt ist. Mit den langen Haaren und der Arbeiterkleidung hätte ich den Grandmaster of Annodazumals kaum wiedererkannt. Doch das Sventjevs-Tattoo am Hals ließ keinen Zweifel. Ich habe ihm lange beim Kistenverladen zugesehen. Schließlich bin ich wieder gegangen. Ich bin noch nicht bereit für dieses Gespräch, fühle mich noch zu fremd hier. Wenn er mich fragt, was ich die ganzen Jahre über gemacht habe, was soll ich dann sagen? Ich habe die alte Crew im Stich gelassen um in Deutschland steil nach oben zu gehen? Nein, Ich muss ein andermal wiederkommen, wenn ich selbst ein paar Antworten gefunden habe.

14.02.2009

Eine Woche ist vergangen, seitdem ich in Riga angekommen bin. Die Stadt ist nicht mehr die, die ich noch aus Kindertagen kenne. Naja, die Petrikirche und das Freiheitsmonument stehen noch an altgewohnter Stelle, dazwischen aber immer mehr moderne Hochhäuser. Auch den Russenmarkt gibt es noch, aber dort werden jetzt Nike-Imitate anstelle von Omas Eingemachtem verkauft.
Auch mit dem Sprachmix aus Russisch und Lettisch tue ich mich noch schwer. In den ersten Tagen bin ich vor Schreck zusammengezuckt, nur als mir jemand guten Appetit wünschen wollte. Aber langsam kommt alles wieder zurück.
Meine Wohnung in der Bruninieku iela ist groß, Altbau mit ordentlicher Hall-Akustik. Nicht das beste um Aufnahmen zu machen, aber wenn ich an Baba Nadias Hühnerstall zurückdenke bin ich doch zufrieden. Die Rapszene hier habe ich allerdings in besserer Erinnerung. Am Wochenende war ich auf einer kleinen Jam. Die "Breaker" waren eine Volkstanzgruppe aus Vidzeme und der DJ legte Coolio und Papa Bear auf. Gerappt wurde auf Russisch, wenn auch ziemlich fresh. An die gimene-Jam konnte sich auch niemand mehr erinnern. Zeit für Aufklärungsarbeit!